+++

rahmen

Stand im Dezember 2025

 

Zeit der Verknöcherung


Nun wurde schon seit bald vier Jahren kein neuer Beitrag mehr an dieser Stelle gepostet. Das liegt aber nicht daran, dass es keine Krise oder kein Interesse daran mehr geben würde, sondern vielmehr daran, dass es einfach nichts neues zu berichten gibt. Alles, was im Beitrag aus dem Februar 2022 beschrieben wird, gilt unverändert auch heute noch. Die Dinge haben sich lediglich intensiviert, sind aber in ihrer Essenz oder Qualität immer noch die gleichen.

Die Situation der Menschheit kann man aktuell mit folgendem Bild beschreiben:

In einem Boot sitzt eine Horde Affen. Mit viel Aufwand und Geschrei streiten sie sich um den besten Platz im Boot, um die größte Banane, die meiste Anerkennung usw.. Leider hat das Boot ein Loch und läuft langsam aber sicher voll.

Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Wenn hier aber nun doch noch ein Eintrag erfolgt, so deshalb, weil sich so langsam eine Art "Schuldiger", ein Hauptgrund für diesen Zustand herauskristallisiert.

Ja, es stimmt nach wie vor: Die planetare Krise ist eine Krise der menschlichen Intelligenz. Diese Feststellung  alleine ist allerdings ein Allgemeinposten und hilft nicht wirklich weiter. Das Wort "Intelligenz" wird nämlich (gerade in Zeiten aufkommender "künstlicher Intelligenz") viel zu oft verwendet und viel zu wenig hinterfragt, um noch aussagekräftig sein zu können. Deshalb die Frage:

Worin genau besteht denn nun die Krise der menschlichen Intelligenz?

Wie bereits im letzten Eintrag geschildert, ist dieser Planet derzeit den Launen einiger alter Männer ausgeliefert, die ihre Ziele bereits mehr oder weniger offen kommuniziert haben:

- Der eine dieser Männer möchte sein Land "great again" machen.

- Der andere führt Kriege, die er damit rechtfertigt, dass sein Land sich nur das wieder holt, was ihm angeblich schon einmal gehörte.

- Der nächste möchte sein Reich wieder dahin rücken, wo es sich selbst in der Vergangenheit verortete: in den Mittelpunkt der Welt.

Die Gemeinsamkeit ist hier offensichtlich: Diese Leute orientieren sich an den Verhältnissen zurückliegender Jahrhunderte, ja, sie möchten am liebsten die Vergangenheit wiederauferstehen lassen. Und nun führen sie einen Kampf gegen die Gegenwart.

Wenn also etwa der amerikanische Präsident allen Ernstes behauptet, die menschengemachte Klimaveränderung sei ein "Betrug", so ist seine Motivation schlichtweg die Tatsache, dass er eine Zeit wiederbeleben  möchte, in der Öl die Hauptenergiequelle war und die USA den großen Ölhahn kontrollierten.

Geradezu mitleiderregend sind in diesen Tagen z.B. Trumps Versuche, diese alte Öl-Machtpolitik wiederzubeleben, indem in Ländern mit großen Ölreserven wie Venezuela und Nigeria unter fadenscheinigen  Vorwänden militärische Präsenz gezeigt wird. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Verbrennung von Erdöl (und -Gas) in einigen Jahrzehnten keine Rolle mehr spielen wird. Verknöcherung ist hier: mangelnde Einsicht in die Realität der Gegenwart. Trump wirkt wie ein trotteliger Opa, der seinem 20-jährigen Enkel beibringen möchte, wie man einen Computer mit dem Betriebssystem DOS betreibt.

Woanders sieht es nicht besser aus:

Wenn etwa Präsidenten in Russland oder China davon träumen, als Neu- oder Wiederbegründer einer wie immer gearteten Weltmacht in die Geschichtsbücher einzugehen, so ist auch dies ein Beispiel von Verknöcherung: es geht nur um Vergangenheit. Selbst für die Zukunft bleibt der Blick rückwärtsgerichtet: Man möchte "historische Taten" vollbringen, um in einer so gestalteten glorreichen Zukunft als "großer Mann der Vergangenheit" bejubelt zu werden. Wahrscheinlich träumen sie von einem riesigen Denkmal. Verknöcherter geht es gar nicht! Zumal es dann womöglich nur noch einen riesigen Aschehaufen gibt, über den man herrschen könnte.

Und genau das ist das Problem: Rückwärtsgewandtheit bedeutet Realitätsverlust.

Weiteres Beispiel:

Die Machthaber im Iran und der israelische Präsident Netanjahu sind im Prinzip Brüder im Geiste: Beide klammern sich an die Macht, indem sie auf die Unterstützung durch religiöse Kreise bauen. Diese ihrerseits pochen auf die Einhaltung jahrtausendealter Überlieferungen, deren Gegenwartsbezogenheit mehr als fraglich  ist. Dafür nehmen sie Kriege und Kriegsverbrechen in Kauf. Religiöse Verknöcherung.

All diese Männer sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie womöglich tatsächlich in Geschichtsbüchern landen, und zwar als Jene, die verhindert haben, dass etwas gegen die wirklichen Probleme unternommen wurde als es noch möglich gewesen wäre.

Es sind aber nicht nur diese einzelnen alten Männer, deren Vergangenheitsfetisch zum Problem wird. Schließlich wurden diese Leute zumindest zu Beginn ihrer Regierungszeiten von ihren jeweiligen Völkern auf den Schild gehoben. Insofern sind sie auch ein Symptom der Verknöcherung ganzer Völker.

Auch hier kann man exemplarisch auf die USA schauen:

Immer stärker führen dort sich selbst als "christlich" bezeichnende Gruppierungen einen Kulturkampf gegen alles was wissenschaftlich und faktenbasiert daherkommt. Sie versuchen, praktische Realitätsbezogenheit durch veraltete Gebote und Traditionen zu ersetzen. Da ist etwa das biblische Gebot, sich zu vermehren wie die Kaninchen ("Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden, daß euer viel drauf werden."). Als ob das aktuelle Problem des Planeten zu wenige Menschen wären! Vielmehr wäre es sicherlich eher im Sinne der Schöpfung, wenn die Menschheit sich etwas mehr darum bemühen würde, sich als Teil des Ganzen zu verstehen.

Dies ist, wie gesagt, nur ein Beispiel dafür, dass die Verbreitung verknöcherter Sicht- und Lebensweisen die eigentliche Krise darstellen. Es gäbe noch viel mehr.

Und das ist dann auch die eigentliche Krise der menschlichen Intelligenz: Das Phänomen der Verknöcherung betrifft nicht nur einzelne Führungspersonen sondern ganze Völkerschaften. Dies behindert die angemessene Reaktion auf die Herausforderungen der Gegenwart. Gefragt sind Eigenschaften wie Wahrheitsliebe, Einsicht, Realitätssinn.  Notwendig ist dabei die Erkenntnis, dass die gesamte Menschheit in einem Boot sitzt.

Berlin, 31.12.2025

 

Anmerkung: Dieser Text unterliegt ausdrücklich nicht dem Urheberrecht, sondern darf nach Belieben vervielfältigt, verbreitet, verlinkt, übersetzt und zitiert werden.